Fürth

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Auf eine einzigartige Geschichte unter den jüdischen Gemeinden in Bayern kann die Fürther Gemeinde zurückblicken. Jahrhunderte lang war sie nicht nur die größte im Gebiet des heutigen Freistaats, sondern nach der Vertreibung der Juden aus den allermeisten Städten in der frühen Neuzeit auch eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden und als eines der geistigen Zentren Mitteleuropas, sodass es seit den 1980er Jahren als „fränkisches Jerusalem“ bezeichnet wurde. Berühmtheit erlangte Fürth gerade im ausgehenden 17. und im18. Jahrhundert mit seiner Talmudhochschule, einem Zentrum der rabbinischen Gelehrsamkeit oder mit seinen hebräischen Druckereien, die die Gelehrten mit der notwendigen religiösen Literatur versorgten. In dieser Zeit hatten sich etliche, 1670 aus Wien vertriebene jüdische Familien am Ort niedergelassen und dem jüdischen Leben wichtige Impulse gegeben. Aber auch im städtischen Leben spielte die jüdische Gemeinschaft, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast ein Viertel der Bevölkerung stellte und für die damals etwa 2.500 Mitglieder vier Synagogen unterhielt. Neben der Hauptsynagoge, der „Neuschul“ und der „Mannheimer-„ sowie der „Klausschul“ existierte eine weitere, die „Waisenschul“, in der Waisenkinder unterrichtet wurden. Auch das Jüdische Krankenhaus, das im Jahr 1846 den 200 Jahre älteren Vorgängerbau ersetzte, bekam eine Synagoge. 1868 entstand in der heutigen Hallemannstraße ein Neubau des jüdischen Waisenhauses, das im Jahr 1884/85 nach einer Spende des Nürnberger Kaufmanns Lazarus Schwarz ein zweites Haus erhielt, in dem eine Mädchenabteilung eingerichtet wurde. Im Erdgeschoss des Waisenhauses wurde im selben Jahr eine Synagoge mit einer Empore für die Frauen eingerichtet. Polierte Marmorsäulen tragen sie und einen Toraschrein, der die Form einer zierlichen Ädikula mit gedrehten Säulen hat. Jüdische Fürther engagierten sich mit zahlreichen sozialen Stiftungen, die nicht nur jüdischen Bedürftigen zugute kamen, so das 1906 eingeweihte Volksbildungsheim, das der Bleistiftfabrikant Heinrich Berolzheimer stiftete. Daneben ermöglichte die Stiftung der Familie Krautheimer im Jahr 1911 die Einrichtung der Krautheimer Kinderkrippe. Aber auch das Fürther Stadttheater verdankt seine Existenz vor allem jüdischen Mäzenen. Trotzdem erlitten die Fürther Juden im Dritten Reich dasselbe Schicksal wie Juden im gesamten Deutschen Reich. Beim Novemberpogrom wurden drei ihrer vier Synagogen zerstört, etwa 130 Juden wurden in das KZ Dachau deportiert. Die Gemeinde musste ihre Gebäude sowie die beiden Friedhöfe für 100 Reichsmark an die Stadt „verkaufen“ und die dafür fälligen 136 Reichsmark Notarkosten bezahlen. Nach dem Novemberpogrom fanden Gottesdienste nur noch in der Krankenhaus- und der Waisenhaussynagoge statt. Ende 1941 begannen die Deportationen aus Fürth.

Unter den damals noch 600 Fürther Jüdinnen und Juden waren auch der Leiter des Waisenhauses, Dr. Isaak Hallemann und seine Frau. Weil sie ihre Zöglinge nicht im Stich lassen wollten, waren sie nicht geflüchtet, obwohl sich ihnen dazu die Gelegenheit geboten hätte. Zusammen mit den 33 Kindern, die damals im Waisenhaus wohnten, und den acht Angestellten wurden sie am 22. März 1942 in das Übergangslager Izbica bei Lublin deportiert – von ihnen überlebte niemand. Nachdem die Synagoge zunächst für Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen vor den Deportationen missbraucht und danach als Kartoffelkeller genutzt wurde, ging das Haus 1945 wieder in die Hand der neu gegründeten jüdischen Gemeinde über. Max Lambert Stern, Leo Rosenthal und Bernhard Führ hatten wegen ihrer nichtjüdischen Ehefrauen die NS-Zeit überlebt. Gemeinsam mit dem gebürtigen Fürther Jean Mandel und dem orthodoxen Rabbiner David Spiro, die im Sommer 1945 nach Fürth kamen, gründeten sie Anfang 1946 die Gemeinde als „Israelitische Kultusgemeinde Fürth“ neu. Rabbiner Spiro kümmerte sich um die Einrichtungen, die ein orthodoxes jüdische Leben ermöglichten, um koschere Lebensmittel und die Abhaltung täglicher Gottesdienste und Tora-Lektionen. Im Jahr 2007 hatte die Gemeinde wieder etwa 500 Mitglieder. Zu Ehren des Ehepaars Hallemann wurde 1982 die Julienstraße, an der sich die Synagoge im ehemaligen Waisenhaus befindet, in Hallemannstraße umbenannt.

http://www.ikg-fuerth.de/

http://www.juedisches-museum.org

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