Gunzenhausen

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Schon sehr früh gingen Nationalsozialisten mit großer Brutalität gegen die jüdischen Bürger der Stadt Gunzenhausen vor. Bereits im Mittelalter existierte hier eine jüdische Gemeinde, aber vor allem in der Neuzeit hatte Gunzenhausen eine traditionsreiche, bedeutende jüdische Gemeinde, in der das seit Anfang des 17. Jahrhunderts bestehende Landrabbinat im Fürstentum Brandenburg-Ansbach seinen Sitz hatte, bevor es 1693 nach Schnaittach verlegt wurde. Am 17. November 1938 wurde in einem „Festakt“ das Ende der Israelitischen Kultusgemeinde inszeniert, indem die Zwiebelhelme von den Türmen der Synagoge spektakulär entfernt wurden. Sie galten den nationalsozialistischen Machthabern als orientalisch. Eine Woche nach dem Novemberpogrom rief der Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter alle Gunzenhausener zur Teilnahme auf: „Dieser Tag ist Geschichte unseres lieben Gunzenhausen im Kampf gegen Alt- Juda, dieser Mörderrasse von Anbeginn, von Christus bis heute. Heil Hitler!“ Antijüdische Schmierereien und Hetze hatten sich seit 1919 häufig wiederholt, zunächst der Völkische Block und später die NSDAP hatten in Gunzenhausen eine Hochburg und stellten bereits 1924 drei Stadträte. Nicht nur die Fenster der Synagoge wurden mehrfach demoliert und der Friedhof wiederholt geschändet, seit 1931 kam es auch zu tätlichen Übergriffen gegen jüdische Gunzenhausener. In den meisten Fällen kamen die Täter mit glimpflichen Strafen davon. 1932 schloss sich der Bürgermeister der NSDAP an und in der Folge nahm die Stimmung gegen die Juden immer bedrohlichere Formen an. Im selben Jahr erzielte die NSDAP bei den Reichstagswahlen ein Ergebnis von 66,3 %. Dass das 50-jährige Bestehen der Synagoge im Jahr 1933 nach einer Renovierung des Innenraums öffentlich gefeiert, war in dieser Atmosphäre undenkbar. Vielmehr wurden in Gunzenhausen nach der „Machtergreifung“ zügig die Maßnahmen ergriffen, die in den folgenden Jahren im gesamten Deutschen Reich Juden aus dem öffentlichen Leben ausgrenzten. Überregionales und internationales Interesse erregte der „Blutige Palmsonntag“ vom 25. März 1934: Er war einer der ersten antijüdischen Pogrome im nationalsozialistischen Deutschland. Die lokale SA beschimpfte zunächst den Kaufmann Sigmund Rosenfelder, anschließend verprügelte der SA-Führer den Gastwirt Julius Strauß bis zur Bewusstlosigkeit. Er brachte die anwesende Menschenmenge mit Hetzreden so gegen Strauß auf, dass sie bereitwillig und gründlich seinem Aufruf folgte: „Auf meinen Befehl dürft ihr in der Wirtschaft alles zusammenschlagen!“ Nach der Zerstörung und Plünderung der Gastwirtschaft zog die Menge weiter und zerrte 28 Juden gewaltsam aus ihren Wohnungen und trieb sie mit Schlägen zum Amtsgericht, wo sie einen Tag lang festgehalten und schikaniert wurden. Max Rosenau und Jakob Rosenfelder kamen bei diesem Pogrom zu Tode. Während die Parteileitung als Todesursache Selbstmord angab, blieb der tatsächliche Hintergrund ihres Todes ungeklärt. Zwar wurde der Initiator des „Blutigen Palmsonntag“, der SA-Obersturmführer Kurt Bär im Juni 1934 zu zehn Monaten wegen Landfriedensbruchs verurteilt. Er musste die Strafe allerdings nicht absitzen und schoss bereits einen Monat nach seiner Verurteilung den Gastwirt Simon Strauß und seinen Sohn nieder. Simon Strauß erlag seinen Verletzungen, sein Sohn überlebte schwerverletzt. Bär wurde erneut verurteilt. Seine lebenslängliche Haftstrafe wegen Mordes und Mordversuchs musste er nur drei Jahre lang absitzen. Dann wurde er begnadigt. Aber die juristischen Maßnahmen gegen die Gunzenhausener Juden gingen weiter. Der Stadtrat erließ einen Monat nach den „Nürnberger Gesetzen“ eine Reihe von Repressalien gegen die Juden, die bewirkten, dass von den 181 Juden, die am 1. Februar 1933 noch in Gunzenhausen lebten, am 30. September 1938 nur noch 55 Personen übrig waren. Die anderen waren entweder in andere, größere Städte im Deutschen Reich verzogen oder emigriert. Am 8. November verkauften die Vorstände der jüdischen Gemeinde, Hugo Walz und Justin Gerst, das Schulhaus und die Synagoge für unsgesamt 14.000 Reichsmark an die Stadt, ebenso veräußerten sie die Kantorenwohnung für 2.000 Reichsmark. Ale Justin Gerst zusammen mit 14 anderen jüdischen Gunzenhausenern beim Novemberpogrom inhaftiert wurde, musste er den Scheck wieder abliefern. Die Synagoge blieb in der Nacht vom 9. auf den 10. November verschont, möglicherweise weil sie bereits Eigentum der Stadt war. In Unterschied dazu wurden die Wohnungen der jüdischen Gunzenhausener gestürmt und geplündert, Einrichtungen wurden zerstört und zahlreiche Personen wurden misshandelt. Elf Männer und vier Frauen wurden im Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert, acht Männer wurden am 12. November nach Dachau verschleppt, die übrigen Frauen und Kinder wurden in der jüdischen Volksschule eingsperrt. Bis Ende November sicherte sich die Stadt sämtliche jüdische Anwesen zu Schleuderpreisen, sodass die meisten Gunzenhausener Juden den Ort verließen und am 31. Dezember nur noch drei Juden in der Stadt lebten, die sie am 25. Januar 1939 endgültig verließen. Über die Nutzung der Synagoge nach der öffentlichen Entfernung der Turmhelme bis ins Jahr 1942 ist nichts bekannt, danach richtete man dort ein Lager für belgische und französische Kriegsgefangene ein. In der Apsis, die einst den Toraschrein und den Almemor beherbergte, wurden nun die Abortanlagen für die Inhaftierten eingerichtet. Auf dem Gelände des vollständig eingeebneten Friedhofs entstand 1942 ein Lager für ehemalige Zwangsarbeiter, die im ehemaligen Leichenhaus ihre Unterkunft bezogen. In der Nachkriegszeit erfuhr die ehemalige Synagoge verschiedene Nutzungen, bis sie im Jahr 1981 abgerissen wurde. Im selben Jahr fiel das ehemalige jüdische Schulhaus der Altstadtsanierung zum Opfer und wich einer mit Wohnhäusern und Geschäften überbauten Tiefgarage. Eine Gedenktafel erinnert an dort die Geschichte der beiden Gebäude. In jüngster Zeit haben nicht nur Schüler der Stephani-Volksschule die jüdische Vergangenheit ihrer Stadt bearbeitet, seit 2006 haben die Arbeiten an einer von der Stadt in Auftrag gegebenen Gesamtpublikation zum Thema „Nationalsozialismus in Gunzenhausen“ begonnen.

Zur Dokumentation „Jüdisches Leben in Gunzenhausen“: http://www.gunnet.de/stephani/step_p09.htm

Zum Tora-Schild der Familie Dottenheimer aus Gunzenhausen (frühes 18. Jahrhundert): http://www.gunzenhausen.de/geschichte/stadtmuseum/rundgangog2t.html