Ichenhausen

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In der kleinen schwäbischen Marktgemeinde, seit 1913 Stadt, lebte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert die zweitgrößte jüdische Gemeinde des Königreichs Bayern, die bis zu knapp 50 Prozent der Ortsbevölkerung ausmachte und bis zu 1300 Personen umfasste. Noch bis in die NS-Zeit war sie die größte jüdische Landgemeinde Bayerns, auch wenn ihre Bedeutung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts merklich abnahm. Ihre Synagoge ist ein repräsentativer Bau, der um 1780 entstand und die etwa hundert Jahre ältere Synagoge ablöst, die schon um 1730 zu klein war. Von außen zeigt sich die in den 1980er Jahren restaurierte Synagoge heute weitgehend wie zu ihrer Erbauungszeit als breiter spätbarocker- frühklassizistischer Bau mit schlanken Rundbogenfenstern und einem umlaufenden Gebälk. Sie steht nach wie vor weitgehend frei, nur im Südwesten grenzt das ehemalige Rabbinerhaus an. Im Inneren wurde der Bau in der Mitte und am Ende des 19. Jahrhunderts umgebaut. Nach der Zerstörung der Inneneinrichtung beim Novemberpogrom im Jahr 1938 lässt sich vor allem noch an der Bemalung der ehemalige Raumeindruck erahnen.

Vor allem in der zweiten Hälfte des 17. und im frühen 18. Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde Ichenhausen stark an, möglicherweise weil die beiden Herren von Ichenhausen, die Markgrafen von Burgau und die reichsritterlichen Herren von Stain für die doppelte Verwaltung und einen zweiten Schlossbau viel Geld benötigten, das sie mit besonderen Abgaben von Juden einzunehmen erhofften. So bildeten die angesiedelten Juden, die aus zahlreichen Städten vertrieben worden waren, zunächst bis 1717 zwei steuerlich getrennte Gemeinden am Ort. Entsprechend der Größe der Gemeinde war am Ort auch der Sitz eines Landrabbinats, zur bayerischen Zeit dann ein Distriktsrabbinat. Trotz der Abwanderung zahlreicher Ichenhausener Juden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trugen die verbleibenden wesentlich zur Industrialisierung des Ortes bei. In Ichenhausen entstand eine gelingende Symbiose von christlichen Bauern, Handwerkern und Gerwebetreibenden sowie jüdischen Unternehmern. Juden und Christen waren gemeinsam in den zahlreichen Vereinen organisiert, in der Weimarer Republik saß der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde für die SPD im Stadtrat. Aber der Druck des nationalsozialistischen Regimes beeinträchtigte das jüdische Leben in Ichenhausen erheblich und die Gemeinde schrumpfte zunehmend. In den Jahren 1941 bis 1943 wurden die letzten 179 jüdischen Ichenhausenerinnen und Ichenhausener deportiert. Seit 1987 fungiert die restaurierte Synagoge als „Haus der Begegnung“, und seit 1991 beherbergt sie die Dauerausstellung „Juden auf dem Lande. Beispiel Ichenhausen“.

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