Kitzingen

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Nicht einmal 80 Jahre bestand die jüdische Gemeinde in Kitzingen. Nachdem in vorangehenden Jahrhunderten zurückgehend bis ins 12. Jahrhundert immer wieder Juden in Kitzingen lebten und wieder vertrieben wurden, eröffnete die Aufhebung des „Matrikelpagragraphen“ aus dem Bayerischen Judenedikt von 1813 im Jahr 1861 den Juden in Bayern die Freizügigkeit. Nachdem der Weinhandel als wichtiger Gewerbezweig darniederlag, versuchte Bürgermeister Andreas Schmiedel der Wirtschaftskraft in Kitzingen neue Impulse zu geben, indem er jüdische Gewerbetreibende an den Ort holte. Jüdische Weinhändler leisteten einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Auschwung der Stadt, und zwar nicht nur als Weinhandelszentrum, sondern als Wirtschaftplatz generell. Das Ansehen und der Aufstieg der Kitzinger Juden schlug sich im Jahr im Bau einer repräsentativen Synagoge nieder. Lebten vier Jahre nach dem Beginn der Ansiedlung im Jahr 1863 57 Juden unter den knapp 6.000 Kitzinger Bürgern, waren es gut zwanzig Jahre später bereits fast 400 bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 7.500 Personen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte die jüdische Gemeinde zahlenmäßig ihren Höhepunkt erreicht.

Unter den 102 Weinhändlern, die es um am Beginn des 20. Jahrhunderts in Kitzingen gab, waren 52 jüdische. Als einer der innovativsten Weinhändler gilt Max Fromm, der den Kitzinger Weinhandel vor allem zwischen 1910 und 1930 trotz der Krisenjahre entscheidend weiterentwickelte. 1925 beschäftigte er immerhin 90 Angestellte, die meisten davon waren Büttner, denn nur die Weingroßhändler besaßen Keller und Fässer, in denen sie den Wein ausbauten, den sie in der Regel bei den Weinbauern oder bei Versteigerungen gekauft hatten. Die Weinhändler aus Kitzingen verkauften ihren Wein vor allem nach auswärts. In der Regel ging er in Gebiete des Deutschen Reichs und ins benachbarte Ausland, aber seit Anfang des Jahrhunderts dehnten die Weinhändler ihre Handelsbeziehungen auch nach Übersee aus. Da Wein am Anfang des 20. Jahrhunderts noch kein Massengetränk war, bemühte sich etwa Max Fromm um einen höheren Absatz, indem er verschiedene Werbestrategien verfolgte: Er ließ Flaschetiketten mithilfe renommierter Künstler neu gestalten. Auch der Bocksbeutel als Inbegriff des Frankenweins verdankt sich einer Werbeinitiative der Weinhändler. Max Fromm gründete 1921 zur Vermarktung den Bocksbeutel-Winzer-Vereinigung und dehnte in den 20er Jahren die Auslandsexporte aus. So galt die einst unbedeutende Firma, die er von seinem Vater Nathan übernommen hatte, im Jahr 1924 als eine der bedeutendsten Weinfirmen in ganz Deutschland. Wegen seines rasanten Aufstiegs verlegte Fromm 1929 seinen Firmensitz nach Bingen, wo er in einer größeren und bedeutenderen Weinbauregion war. Den Abschied aus seiner Heimatstadt erleichtert haben dürfte ihm das Erstarken der antisemitischen Propaganda der völkischen Kreise seit den 20er Jahren in Kitzingen.

In den Jahren 1882/1883 baute die Kultusgemeinde ihre Synagoge, die heute nach ihrer Zerstörung beim Novemberpogrom 1938 wieder restauriert ist. Während sie von außen fast wieder wie im Originalzustand hergestellt ist, hat der völlig zerstörte und verbrannte Innenraum eine neue Gestalt bekommen: Ein Gebetsraum befindet sich darin, der heute gelegentlich von der jüdischen Gemeinde in Würzburg und der US Army genutzt wird, weil in Kitzingen selber keine jüdische Gemeinde mehr existiert. Daneben beherbergt das Gebäude heute ein jüdisches Archiv mit einer Bücherei, Seminarräume der Volkshochschule und Räume für Kultur- und Bildungsveranstaltungen. Der Förderverein ehemalige Synagoge Kitzingen e.V. wurde im Jahr 1992 mit dem Ziel gegründet, die Synagoge zu restaurieren, und kümmert sich heute gemeinsam mit der Stadt Kitzingen um die angemessene Nutzung des Gebäudes.

http://uploader.kitzingen.de/synagoge