Niederwerrn

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Der Bau der Synagoge in Niederwerrrn in den Jahren 1785/86 ist eng verbunden mit dem Namen von Löb Kent, der aus dem Ort stammte und als Bankier in Amsterdam und London zu Wohlstand gekommen war. Um Löb Kent rankt sich die Legende, dass er mit seinen letzten drei Gulden die Fracht eines Schiffes ersteigert habe, die bereits seit Tagen überfällige „Johanna Elisabeth“. Kent musste noch drei weitere Tage warten, bis „sein“ Schiff, vollbeladen mit kostbaren Gewürzen aus den niederländischen Kolonien einlief.

Kent stiftete 6000 Gulden, und so konnte die jüdische Gemeinde in seinem Heimatort ein neues, stattliches Gotteshaus errichten. Die Jahreszahl der Erbauung 5546 (=1785/86) hielt ein Eckstein im Südosten des Baus fest. Die Ausmaße der Synagoge waren vergleichsweise monumental, sodass die jüdische Gemeinde auch in den darauffolgenden Jahrzehnten noch genug Platz fand, als sie bis auf etwa 300 Personen wuchs, was damals einen Bevölkerungsanteil von etwa 40 Prozent in Niederwerrn bedeutete. Der Almemor – das Vorlesepult – befand sich etwa in der Mitte des Betsaals und war aus Stein und die Balustrade neben den Aufgang war rechts und links mit je einem Pinienzapfen gekrönt. Darin folgte die Synagoge in Niederwerrn dem Vorbild der Heidingsfelder Synagoge, die sie auch in ihren äußeren Dimensionen nachahmte. In den Jahren 1885 und 1913 wurde die Synagoge umgebaut bzw. renoviert.

Beim Novemberpogrom wurden Fenster und Türen zertrümmert und im Inneren der Synagoge Feuer gelegt. Die gesamte Inneneinrichtung, die Torarollen, die Vorhänge und die Gebetbücher wurden ein Raub der Flammen. Die Feuerwehr löschte das Feuer schließlich, damit es nicht auf umliegende Gebäude übergreifen konnte. Während des Zweiten Weltkriegs diente der beschädigte Bau als Lagerraum. Im Jahr 1950 erwarb die Gemeinde Niederwerrn die ehemalige Synagoge, um darin ein Kino zu eröffnen. Dazu wurde die alte Eingangstreppe abgetragen und ein Vorbau errichtet, und im Februar 1954 wurde die „Filmbühne“ eröffnet. Nach der Schließung des Kinos fand das Gebäude Verwendung für Kurse der Industrie- und Handelskammer sowie als Proberaum für Musikgruppen und Abstellraum für Landmaschinen. Der ursprünglich geplante Umbau zur Gemeindebibliothek im Jahr 1998, der auch eine große Deckenöffnung vorgesehen hatte, wurde vom Landesamt für Denkmalpflege nicht genehmigt, weil der ursprüngliche Charakter des Gebäudes als Synagoge zerstört worden wäre. Durchgeführt wurde stattdessen ein Alternativpplan, bei dem die oberen Fenster restauriert und neu verglast wurden, das Dachgebälk, in dem zuvor bei Untersuchungen eine Torarolle, Gebetsriemen und andere Gegenstände gefunden wurden, wurde restauriert und die Fassade erhalten. Eine Stahlkonstruktion im Saal ermöglichte zugleich den Betrieb der Bibliothek auf zwei Ebenen und erhielt die historische Bausubstanz, da sie sich nicht mit dem alten Bau berührt. Im Jahr 2001 wurde die ehemalige Synagoge als Gemeindebibliothek neu eröffnet.