Nürnberg

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Mit einem Abstimmungsergebnis von neun zu acht Stimmen entschied der Magistrat der Stadt Nürnberg im Jahr 1850, dass der aus Markt Erlbach stammende Großhändler Josef Kohn als Bürger der Stadt aufgenommen werden solle. Da er wohlhabend war und ein Unternehmen gründen wollte, erfüllte er die Bedingungen, die das Bayerische Judenedikt von 1813 für die Ansässigmachung von Juden aufgestellt hatte. Kohn war damit der erste Jude, der seit 1499 dauerhaft in Nürnberg niederlassen durfte. In diesem Jahr war die jüdische Bevölkerung Nürnbergs endgültig aus den Mauern der Stadt verwiesen worden, die, abgesehen von einer kurzzeitigen Vertreibung, etwa 350 wechselvolle Jahre zur Stadtgeschichte dazugehört hatte. Kohns Ansiedlung machte Schule, sodass die jüdische Gemeinde in Nürnberg nur 14 Jahre nach seinem Bürgerrecht bereits auf knapp 1000 Personen angewachsen war. Die Gemeinde hatte große Schwierigkeiten, einen Platz für einen ausreichend großen Betraum zu finden und erstand im Jahr 1867 schließlich ein Anwesen am Spitalplatz, den ehemaligen Harsdörfferhof und plante seit 1868 den Bau einer neuen Synagoge dort. Im Frühjahr 1869 begannen die Bauarbeiten, die sich wegen der unmittelbar neben dem Grundstück fließenden Pegnitz aufwendig gestalteten. Rund 1000 Eichenstämme von zehn Metern Länge mussten zur Stabilisierung in den Boden gerammt werden. Die Planung und Bauleitung übernahm der Stuttgarter Architekt Adolf Wolff, der schon 1961 am Bau der dortigen Synagoge maßgeblich beteiligt war. Wolffs neomaurischer Bau konnte am 8. September 1874, vier Tage vor dem jüdischen Neujahrsfest, eingeweiht werden. Der repräsentative Bau prägte mit seinen markanten Kuppeln bis zu seiner Zerstörung im August 1938 die Silhouette der Nürnberger Altstadt mit und ist auf zahlreichen Postkarten und Nürnberg-Ansichten zu sehen. Die Größe der Synagoge trug nicht nur dem ständigen Wachstum der jüdischen Gemeinde Rechnung, die im Jahr 1900 bereits auf knapp 6000 Personen gestiegen war, sie ist auch Ausdruck des jüdischen Selbstbewusstseins. Jüdische Kaufleute machten Nürnberg zur weltweit erfolgreichsten Hopfenbörse, andere Nürnberger Juden unterhielten bedeutende Privatbanken. Nürnberger Juden trugen entscheiden zur Industiralisierung der Stadt und ihrer Ankunft in der Moderne bei. Die Camelia-Werke, die Medicus-Schuhfabrik, die Fahrradfabrik Hercules oder die Spielwarenmanufaktur der Gebrüder Bing waren Geschäftsgründungen von Nürnberger Juden, die weit über die Grenzen der Stadt erfolgreich waren. Auch die Familie des Musikers Billy Joel stammte aus Nürnberg. Noch 1929 hatte sein Großvater Karl Amson Joel einen erfolgreichen Versandgroßhandel für Wäsche- und Konfektionsartikel gegründet.

Die Identifikation vieler Nürnberger Juden mit ihrer Heimatstadt war weit fortgeschritten. So war es selbstverständlich, dass am 3. und 5. August 1914 ihr Rabbiner Dr. Max Freudenthal in der Synagoge, die „überflutet von Soldaten aller Waffengattungen und ihren Angehörigen“ war, „den an die beiden Fronten im Osten und Westen eilenden Jünglingen und Männern“ Segensworte mit auf den Weg gab. Bereits in den Anfangsjahren der Weimarer Republik hatte jedoch der Antisemitismus Anhänger in allen Bevölkerungsschichten gefunden, sodass sich bereits seit den frühen 1920er Jahren antisemitische Übergriffe wiederholten. Die NSDAP stieß bei ihren Bemühungen, in Nürnberg Fuß zu fassen, zusätzlich auf das Wohlwollen der örtlichen Polizei, sodass sie sich 1927 entschied, ihre Parteitage hier abzuhalten. 1935 wurden beim Parteitag die Rassengesetze veröffentlicht und drei Jahre später war die Synagoge, die den Nationalsozialisten an so prominenter Stelle in der Altstadt ein Dorn im Auge war, bereits abgebrochen.

In ihr hatte zwischen 1909 und 1938 der spätmittelalterliche Aufsatz eines Toraschreins einen Platz gefunden. Im Keller des Nürnberger Polizeipräsidiums überstand er, anders als die jüdische Bevölkerung Nürnbergs, unbeschädigt. Seit 1987 ist dieser „Judenstain“ in der Synagoge der heutigen Kultusgemeinde zu sehen und erinnert an die wechselvolle Geschichte der Juden in Nürnberg bis zur Gegenwart. Von den etwa 1500 deportierten Nürnbergerinnen und Nürnbergern überlebten ca. 75 die Schoa. Die jüdische Gemeinde zählt heute (2009) über 1700 Gemeindeglieder, die meisten von ihnen sind aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion zugewandert.

zur virtuellen Rekonstruktion der Nürnberger Hauptsynagoge: http://www.cad.architektur.tu-darmstadt.de/synagogen/inter/menu.html

zur Homepage der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg: http://www.ikg-nuernberg.de/index.php?pageid=gem_hist