Regensburg

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Neue Einblicke in die Geschichte der ältesten jüdischen Gemeinde Süddeutschlands eröffneten archäologische Grabungen, die in den Jahren 1995–1998 auf dem Neupfarrplatz durchgeführt wurden und die heute in einem unterirdischen Dokumentationszentrum, dem „document Neupfarrplatz“, besichtigt werden können. Eine multimediale Präsentation gibt eine Vorstellung einer mehr als 500-jährigen christlich-jüdischen Koexistenz in Regensburg. Die Funde galten als Sensation, zeigten sich doch die Reste des mittelalterlichen jüdischen Viertels der Stadt, das auf den Ruinen ehemliger römischer Offizierswohnungen gebaut war. Auf 3.000 m2 wurden nicht nur Keller, Fußböden, Treppen, Brunnen und Straßenpflaster freigelegt, sondern auch Reste zweier mittelalterlichen Synagogen. Die zweite wurde im Jahr 1519 mit der Vertreibung der Juden aus Regensburg zerstört und war bisher nur durch zwei kurz vorher entstandene Radierungen von Albrecht Altdorfer bezeugt. Früher wurde ihre Lage unter der Neupfarrkirche vermutet, die nach der Zerstörung als Wallfahrtskirche „Zur Schönen Maria“ gebaut wurde. Wegen der Einführung der Reformation im Jahr 1542 wurde sie nicht vollendet, sodass die westlich gelegene Synagoge nicht mehr überbaut wurde. Die Grabungen brachten zutage, dass an Ort und Stelle zwei aufeinanderfolgende Synagogen gebaut wurden waren. Die ältere der beiden lässt sich ins späte 11. Jahrhundert datieren und gehört damit mit den romanischen Synagogen von Worms, Speyer und Köln zu den frühesten steinernen Zeugnissen jüdischer Religiosität in Deutschland. Sie hatte einen trapezförmigen Grundriss und war ein einfacher Saalbau mit zwei Portalen, in dessen Mitte die Bima stand, ein Steinpodest mit einer steinernen Brüstung. Ein quadratischer Fundamentabdruck im Osten markiert den Standort des Toraschreins. Im 12. Jahrhundert wurde das Gotteshaus umgebaut und im frühen 13. Jahrhundert grundlegend umgebaut, nachdem die erste Synagoge durch einen Stadtbrand im 12. Jahrhundert in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die archäologischen Befunde der zweiten Synagoge stützten die Authentizität der Radierung von Altdorfer, die eine nach Osten ausgerichtete hohe Halle mit drei Säulen zeigt, die den Raum in zwei schmale Schiffe teilen. Allerdings gibt Altdorfers Radierung den Raum wohl drucktechnisch bedingt spiegelverkehrt wieder. Ohne Anspruch auf archäologische Genauigkeit hat der israelische Künstler Dani Karavan im Jahr 2005 auf dem als Leerraum erhaltenen Neupfarrplatz über dem Fundament ein begehbares Relief geschaffen, das den Grundriss der 1519 zerstörten Synagoge nachzeichnet. Seine Absicht war es, einen Ort der Begegnung zu schaffen – entsprechend dem Wortsinn des hebräischen Wortes für Synagoge. „Die Idee ist: die Skulptur nicht anzuschauen, sondern sie in Besitz zu nehmen, sie zu nutzen, zu berühren, vor allem die Kinder.“ Nachdem seit Mitte des 16. Jahrhunderts jüdische Familien nur befristet in Regensburg zugelassen wurden, konnten sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts einige Familien dauerhaft ansässig machen und wurden so zur Keimzelle der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde, deren Gemeindeleben von den Nationalsozialisten beendet wurde. Aus Rückkehrern aus Konzentrationslagern, Personen, die mit christlichen Partnern verheiratet waren und wenigen Displaced Persons, die nicht emigriert waren, entstand wieder eine Gemeinde, die bis 1990 auf etwa 100 Peresonen zusammenschmolz. Heute leben durch den Zuzug von Auswanderern aus der ehemaligen Sowjetunion etwa 500 anerkannte Jüdinnen und Juden in Regensburg.

zum Museum document Neupfarrplatz: http://www.regensburg.de/museumsportal/museen/document_neupfarrplatz.html