Rothenburg

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Rund 250 Jahre durften sich in Rothenburg ob der Tauber keine Juden niederlassen, als die liberalere Gesetzgebung im Jahr 1871 den Zuzug von Juden nach Rothenburg wieder ermöglichte und im Jahr 1875 zur Gründung einer neuen jüdischen Gemeinde führte, die bis zu 100 Gemeindeglieder hatte. Im Jahr 1938 aber wurden die letzten 17 Rothenburger Juden erneut aus der Stadt vertrieben. Mit der ersten vollständigen Vertreibung im Jahr 1520 endete die Geschichte einer jüdischen Gemeinde, die sich im Mittelalter zu einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden im Gebiet des heutigen Bayern entwickelte. Sie hatte bis zu 400-600 Mitglieder. Als der berühmte Talmud-Gelehrte Rabbi Meïr ben Baruch in der Mitte des 13. Jahrhunderts in Rothenburg lehrte, erlebte die die jüdische Kultur hier eine Hochblüte. Ihre Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als in Würzburger Quellen ein Jude namens Samuel Biscop („Bischof“) erwähnt wird, der einen Platz neben einer Kirche kaufte. Möglicherweise deutet der Namenszusatz darauf hin, dass es bereits organisatorische Strukturen der Gemeinde gab, denn er legt nahe, dass Samuel eine gewisse leitende Rolle hatte. Die erste Synagoge, die auf dem früheren Milchmarkt stand, dem heutigen Kapellenplatz, stammt möglicherweis auch aus dieser Zeit. Um den Milchmarkt herum war auch das Zentrum des jüdischen Viertels. Im 13. Jahrhundert befanden sich dort auch ein Ritualbad, eine zweistöckige Talmudschule mit 21 Zimmern und einem Lehrsaal. Außerdem lag dort auch das sogenannte Tanzhaus, in dem die Rothenburger Juden Versammlungen abhielten und Feste feierten. Auf dem Gebiet des heutigen Schrannenplatzes, damals außerhalb der Stadt, befand sich der Friedhof. Trotz mehrerer Verfolgungswellen, die auch unter den jüdischen Rothenburgern Opfer forderte, entstand die Gemeinde immer wieder neu, so nach dem „Rintfleisch“-Pogrom 1298, den Ausschreitungen bei der „Armleder“-Erhebung in den Jahren 1336-1342 und den Pestverfolgungen 1348/49, bei denen den Juden Brunnenvergiftung unterstellt wurde.

Rabbi Meïr ben Baruch, auch Meïr von Rothenburg genannt, der zwischen 1215 und 1293 lebte, war einer der größten Talmudgelehrten seiner Zeit. Geboren war er in Worms. In Würzburg, Mainz und Paris erhielt er seine Ausbildung bei den besten damaligen jüdischen Gelehrten. Kurz nach 1240 kam er wohl nach Rothenburg. Mehr als 1.000 Rechtsgutachten sind von ihm bekannt, mit denen er brieflich auf aktuelle Fragen antwortete, die jüdische Gemeinden ihm stellten. Aus ihnen geht detailliert hervor, welche Alltagsfragen jüdische Gemeinden im Mittelalter beschäftigten und wie Eheschließung und -scheidung oder das Verhalten zu Nichtjuden, das Steuerecht und jüdische Bräuche geregelt wurden. Rabbi Meïr sammelte eine große Zahl von Schülern um sich, die ihm den Ehrennamen „Maharam“ (Unser Lehrer, der Rabbi Meïr) gaben. Fast 40 Jahre wirkte er in Rothenburg, bevor er aus unbekannten Gründen im Jahr 1286 auswanderte. Vielleicht gaben die hohen Steuerforderungen Rudolf von Habsburgs oder Ritualmordvorwürfe den Ausschlag. Auf dem Weg nach Venedig wurden Meïr und seine Familie inhaftiert, weil sie ohne Erlaubnis das Territorium des Königs verlassen wollten. Sieben Jahre war Meïr im Turm der Festung von Ensisheim im Oberelsass inhaftiert, wo er weiterhin im Austausch mit anderen jüdischen Gelehrten und Gemeinden stand, bis er in der Haft starb. Zu Lebzeiten hatte Meïr es untersagt, ihn mit Lösegeld freizukaufen, und erst 14 Jahre nach seinem Tod gelang es dem Kaufmann Alexander von Wimpfen unter Einsatz seines gesamten Vermögens, die sterblichen Überreste Meïrs auf den Friedhof von Worms überführen zu lassen.

Zur jüdischen Geschichte Rothenburgs: http://www.heinrich-toppler.de/sekundaeres/juedisches-rothenburg-ob-der-tauber/index.html