Schopfloch

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„Anie nossne bejs mejes schiwem schuck lekufed die bore“, sagte der jüdischer Viehhändler zum christlichen Bauern, worauf dieser entrüstet antwortete: „Willscht mi bsejfle? Mejes ratt oder lou massematte!“ Ins Deutsche übersetzt lautet der Dialog: „Ich gebe dir 270 Mark für die Kuh.“ – „Willst du mich betrügen? 100 Taler oder kein Handel!“ Wenn auch nicht wortwörtlich, wurden aber in ähnlicher Weise im westmittelfränkischen Schopfloch über Jahrhunderte die Viehgeschäfte abgewickelt: in der lachoudischen Sprache. Das Lachoudische – das Wort ist eine Verballhornung des hebräischen Begriffs laschon kodesch (heilige Sprache) – ist bis heute als Schopflocher Eigenheit am Ort lebendig. Gesicherte Zeugnisse über die Anfänge der jüdischen Gemeinschaft in Schopfloch gibt es aus den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts, etwa 50 Jahre später lässt sich auch ein jüdischer Friedhof am Ort nachweisen, den auch die jüdischen Familien in den umliegenden Orten nutzten. Noch im 17. Jahrhundert wurden die Gottesdienste in Privathäusern verschiedener Schopflocher Juden abgehalten, die dafür Zimmer als Synagoge herrichteten. Da Schopfloch zum Teil zu ansbach-brandenburgischem Gebiet gehörte, zum anderen Teil eine Exklave der Grafschaft Oettingen-Spielberg war, unterstanden die Schopflocher Juden verschiedenen religiösen und weltlichen Autoritäten. Im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts konnten beide Judenschaften eine gemeinsame Synagoge bauen und einweihen. Über ihr Aussehen ist nichts bekannt, lediglich ein Inschriftenstein weist mit der Jahreszahl 476 (= 1715/16) auf das Datum des fertiggestellten Rohbaus oder der Einweihung hin. Dieser Stein wurde im 19. Jahrhundert in die Nachfolgesynagoge eingebaut, die auf dem selben Platz errichtet wurde wie ihre Vorgängerin. Um ihre Machtposition am Ort zu verbessern, nahmen die rivalisierenden Herrschaften von Schopfloch zahlreiche jüdische Familien auf, zum Teil unter erheblich günstigeren finanziellen Konditionen als an anderen Orten. So fanden hier arme jüdische Familien Aufnahme, die sich anderswo nicht ansiedeln durften. So war Schopfloch im 17. und 18. Jahrhundert die ärmste Gemeinde in weitem Umkreis. Die meisten Schopflocher Juden waren im Handel tätig, wobei sich die Nähe zur Freien Reichsstadt Dinkelsbühl als günstig erwies, aber auch in Nördlingen und Schwäbisch-Hall waren jüdische Kaufleute aus Schopfloch tätig. Unter diesen Bedingungen entstand die hebräisch-deutsche Mischsprache Lachoudisch. Gerade beim Viehhandel bedienten sich die jüdischen Händler und ihre als Schmuser bezeichneten jüdischen oder christlichen Handelsvermittler gern einer Geheimsprache, um Abmachungen zu treffen, die dem jeweiligen Handelspartner verborgen bleiben sollten. Anders als das verbreiteterte Westjiddisch enthält das Lachoudische wesentlich mehr hebräischstämmige Begriffe, die sich bei ausschließlich deutschen Sprachkenntnissen nicht erschließen. Hatte die Gemeinde 1842 noch 342 Mitglieder, so reduzierte sich ihre Zahl durch die Möglichkeit der Freizügigkeit seit dem Jahr 1861 allein zwischen 1862 und 1867 im 100 Personen. Dennoch entschloss sich die geschrumpfte Gemeinde im Jahr 1877 noch einmal zu einem Neubau, der die alte, baufällige Synagoge ersetzte. Diese neue Synagoge rückte wie in den liberalen Synagogen der Zeit den Almemor in die Nähe des Toraschreins und verzichtete darauf, an den Frauenemporen Gitter anzubringen. Die Abwanderung der jüdischen Familien setzte sich auch nach dem Neubau fort. Im Jahr 1926 lebten nur noch 40 jüdische Männer, Frauen und Kinder am Ort. Unter dem wachsenden Druck des nationalsozialistischen Regimes verließen in den 1930er Jahren weitere Mitglieder ihre Heimat, sodass die Gemeinde 1936 keinen eigenen Minjan mehr erreichte. Bis zum Sommer 1938 hatten die Machthaber erreicht, dass die jüdischen Einwohner ihre Häuser und ihr Eigentum – teilweise erheblich unter Wert – verkauften und Schopfloch verließen. Ende November wurde die Synagoge für 300 Reichsmark an die Gemeinde Schopfloch verkauft, die danach begann, Einrichtungsgegenstände und Bestandteile des Gebäudes zu verkaufen. 1940 wurden auch noch die Steine und das Grundstück verkauft. Heute ist der Platz mit Wohn- und Geschäftshäusern bebaut. Seit 1988 befindet sich dort eine Tafel, die an die ehemalige Synagoge erinnert. Auf dem jüdischen Friedhof mit einer Gesamtfläche von knapp 13.000 m² sind heute noch 1172 Grabsteine und etliche Fragmente sichtbar. Mit großem Engagement erstellte die Schopflocher Heimatforscherin Angelika Brosig 2007 eine Dokumentation des Friedhofes.

Zur jüdischen Geschichte allgemein: http://www.juden-in-schopfloch.de

Zur Dokumentation des Friedhofs: http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2093/Schopfloch%20Friedhof%20R1-59.pdf