Straubing

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Die derzeit zweitgrößte jüdische Gemeinde Bayerns befindet sich in Straubing. Die meisten der über 1700 Gemeindeglieder sind Zuwanderer aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. Die meisten von ihnen leben in Straubing, einige aber auch in Landshut, Grafenau, Passau und Deggendorf. Die Wurzeln der einzigen jüdischen Gemeinde in Niederbayern gehen bis in das frühe 14. Jahrhundert zurück, vielleicht sogar schon ins 13. Jahrhundert, allerdings existierte wohl zwischen der Mitte des 15. und dem frühen 19. Jahrhundert keine jüdische Gemeinde. Offiziell gegründet wurde die neuzeitliche Gemeinde erst im Jahr 1897. Mittelpunkt ihres Gemeindelebens ist bis heute nach der Wiedergründung der Gemeinde im Jahr 1946 die Synagoge aus dem Jahr 1907. Dabei war deren Ausstattung zwischen dem Regensburger Distriktsrabbiner und Gemeinde heftig umstritten. Beide Parteien führten eine heftige Auseinandersetzung um den richtigen Standort der Bima, des Vorlesepultes, die erst eineinhalb Jahre nach der Einweihung am 4. September 1907 gelöst wurde. Der Synagogenkomplex, dessen Inneneinrichtung beim Novemberpogrom 1938 teilweise zerstört wurde, ist insgesamt gut erhalten. Neben dem Betsaal gehört dazu noch ein angrenzendes Gemeindehaus, das Ritualbad, der Schächtraum, das Schulzimmer, Gemeinderäume, Hausmeister- und zwei Lehrerwohnungen. Mit Dr. David Forchheimer und Dr. Alfons Prager überlebten zwei Straubinger Juden, weil beide in einer „privilegierten Mischehe“ verheiratet waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sammelten sich nicht nur Überlebende des 25 km entfernten KZ-Außenlagers Ganacker, sondern auch viele Jüdinnen und Juden, die auf „Todesmärschen“ durch Niederbayern getrieben wurden. Dazu kamen in den ersten Nachkriegsjahren einige hundert Displaced Persons. Da die Straubinger Synagoge nicht zerstört war, konnten dort ab Frühsommer 1945 nach notdürftigen Instandsetzungsmaßnahmen bereits wieder Gottesdienste gefeiert werden. In dieser Zeit lebten so viele Jüdinnen und Juden in Straubing, dass viele Leute keinen Platz mehr im Gebäude fanden und draußen mitfeierten. In den 1950er und 1960er Jahren waren die meisten der Displaced Persons ausgewandert, sodass die Gemeinde nurmehr etwa 100 Mitglieder zählte. Diese kleine Gemeinschaft bemühte sich besonders um die Erziehung der Kinder und Jugendlichen und stellte eine Lehrkraft für die „hebräische Kinderschule“ an, die sie aus eigenen Mitteln bezahlte. Zum 80. Jahrestag der Einweihung wurde die Synagoge grundlegend renoviert, vor allem wurde der Gottesdienstraum so originalgetreu wie möglich restauriert und am 9. April 1989 feierlich wieder eingeweiht. Im Jahr 1993 setzte die Zuwanderung jüdischer Familien aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion ein, sodass die Gemeinde in kurzer Zeit auf über 1.000 Mitglieder wuchs.1998 übernahm Anna Zisler hauptamtlich die Geschäftsführung der Kultusgemeinde, nachdem sie vorher fünf Jahre lang die Straubinger Übergangswohnheime geleitet hatte. So konnte sie die Integration der russischsprachigen jüdischen Famlien weiter fördern. Die Gemeinde bietet unter anderem Sprachkurse für Kinder, Erwachsene und auch für ältere Menschen an, die keinen Anspruch auf einen staatlich finanzierten Kurs haben. Seit 1. April 2000 betreut Rabbiner Schlomo Appel, der aus Israel stammt, die Gemeinde, fungiert als Vorbeter bei Gottesdiensten und betreut die jüdischen Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Straubing. Den Religionsunterricht erteilt er gemeinsam mit seiner Frau in den Räumen des Synagogengebäudes: Sie unterrichtet die Grundschulkinder, er die älteren Schüler bis zum Abitur. Im Jahr 2002 wurde ein neuer jüdischer Friedhof eröffnet, der Platz für 1.000 Gräber bietet. Im Jahr 2005 konnte ein eingeschossiger Erweiterungsbau an der Ostseite der Synagoge errichtet werden. Die stark gewachsene Gemeinde gewann im Erdgeschoss einen Kommunikationsraum sowie Freizeit- und Nebenräume im Keller.