Thüngen

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Als am 18. Mai 1892 der bayerische Regent, Prinz Ludwig von Bayern, nach Thüngen kam, um dort eine Ludwigslinde zu pflanzen, war der ganze Ort auf den Beinen. Der evangelische Pfarrer Hermann Lembert, später Dekan in München, beschrieb das damals gemachte Foto und notierte die Standorte einzelner Personen. Selbstverständlich zählte er unter den Honoratioren des Marktes Thüngen in der ersten Reihe im Kreis seiner evangelischen und katholischen Kollegen auch den Lehrer der jüdischen Elementarschule, Ascher Eschwege. Und ebenfalls selbstverständlich waren die Schülerinnen und Schüler sämtlicher Schulen vor den Prinzen aufgestellt worden. Seit Jahrhunderten waren jüdische Familien in Thüngen ansässig, bis sie so selbstverständlich und gleichberechtigt zur Ortsbevölkerung zählten, wie am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Anfänge der Gemeinde gehen wohl auf das 16. Jahrhundert zurück, als die Freiherren von Thüngen, die bereits seit 1412 das Judenschutzprivileg erhalten hatten, am Ort ihres Stammsitzes Juden ansiedelten. Die reichsritterlichen Herren von Thüngen hatten sich zudem 1551 nach mehreren Wechseln endgültig der Reformation angeschlossen. Die aufgenommenen Schutzjuden durften sich um den Burggraben ihre so genannten Schutzjudenhütten bauen. Die hohen Abgaben, die sie dafür entrichten mussten, waren für die Freiherren von Thüngen eine willkommene Einnahmequelle. Da der jüdischen Bevölkerung Handwerk und Landwirtschaft untersagt waren, mussten sie ihren Lebensunterhalt oft mit verschiedenen Handelsgeschäften, meist als Hausierer und ohne festen Geschäftssitz, erwirtschaften. Mit ihren Handelsbeziehungen trugen die Thüngener Juden zum Aufschwung der Thüngener Wochen- und Jahrmärkte bei. Eine erste Synagoge hatte die Gemeinde spätestens seit dem 18. Jahrhundert. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts errichtete sie eine neue Synagoge in der Obergasse. Sie ist Ausdruck für die bereits veränderten verbesserten Lebensumstände der Thüngener Judenschaft. So waren im Inneren des zweistöckigen Wohnhausbaus an der Ostwand zwei Herrschaftsgebete in deutscher Sprache für das bayerische Königspaar, Maximilian II. Josef und seine Frau Maria, aufgehängt, unter deren Regentschaft die Synagoge gebaut werden konnte. Daneben hatte der bayerische Staat, in den die Ländereien der Thüngen im Jahr 1814 eingegliedert wurden, die Bildung seiner Staatsbürger sämtlicher Konfessionen geregelt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besuchten die jüdischen Kinder noch die evangelische Schule und erhielten nur den Religionsunterricht separat. Um die Mitte des Jahrhunderts errichtete die Gemeinde dann eine eigene jüdische Elementarschule in der Bauerngasse, in der ein jüdischer Lehrer alle Fächer unterrichtete. Mit 224 Personen im Jahr 1867 stellte die jüdische Bevölkerung knapp ein Viertel der Ortsbewohner. Ihre herausragende Lehrerpersönlichkeit hatten sie in dem bereits erwähnten Ascher Eschwege. Er war selbst Lehrerssohn und hatte einen Teil seiner Kindheit bereits in Thüngen verbracht, als er im Winter 1879 die Lehrerstelle in Thüngen annahm, die er dann für fast 40 Jahre innehatte. Sein Lehrer, der legendäre „Würzburger Rav“ Seligmann Bär Bamberger, hatte Eschwege schon früher als seinen Lieblingsschüler bezeichnet. Eschwege kümmerte sich um den Aufbau des Lebens in einer der größten jüdischen Landgemeinden Unterfrankens. Bei seiner Tätigkeit erwarb er sich hohes Ansehen unter den Christen und Juden im Ort, sodass er an seinem 80. Geburtstag im Jahr 1930 als „eine der populärsten und ehrwürdigsten Persönlichkeiten in der unterfränkischen Judenheit“ gefeiert wurde.