Unsleben

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Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich in Unsleben eine bedeutende jüdische Gemeindschaft, deren Wurzeln mindestens bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen, wo die Freiherren von Spessart Juden am Ort ansiedelten. Was ansonsten eher in größeren städtischen Gemeinden üblich war, zeigte sich im 19. Jahrhundert auch in Unsleben, einem Ort von etwa 1.000 Personen, ein Viertel davon jüdisch (Zahlen von 1816): Es bildete sich ein liberaler Flügel in der mehrheitlich orthodoxen Gemeinde. Aus ihren Reihen ging auch der erste Bezirksrabbiner Bad Kissingens, Dr. Lazarus Adler, hervor. In der Mitte des 19. Jahrhunderts baute sich die Gemeinde eine repräsentative Synagoge mit einem Vorraum an der Nordseite, in dem auch die Treppen zur Frauenempore war, die sich an der Nord- und Westwand befand und sich vermutlich auch über die Südseite erstreckte. Auf dieser Seite befand sich ebenfalls ein in die Wand eingelassener Heizofen mit einem schmuckvollen Eisengitter, durch das die warme Luft in den Raum gelangte. Heute ist die „Dorfscheuer“ in dem Gebäude untergebracht. Ein Jahr vor dem Synagogenneubau im Jahr 1857 wurde auf dem „Fußlich“ einem Berg mit weiter Aussicht in die Rhön, ein jüdischer Friedhof errichtet, sodass die Unslebener Juden nicht mehr auf dem Bezirksfriedhof in dem 20 km entfernten Kleinbardorf beerdigt werden mussten. Auch wenn Unsleben über alle notwendigen Einrichtungen für ein geregeltes Gemeindeleben und über eine gewisse Gemeindegröße verfügte, nahm wie an vielen anderen Landgemeinden die jüdische Bevölkerung seit 1861 stetig ab. Zwar waren immer wieder jüdische Familien aus anderen Orten nach Unsleben gezogen, doch wanderten seit 1839 viele jüdische Unslebener in die USA aus. Der Pelztierjäger Simson Klein Thorman und seine Frau Regina gehörten zu den ersten Juden, die sich in Cleveland niederließen. Unter der Führung von Moses Alsbacher folgten ihnen zwei Jahre später weitere 19 Unslebener Juden an das Ufer des Eriesees, wo ihr Unslebener Landsmann inzwischen eine Zentrale für seinen Pelztierhandel errichtet hatte. Sie brachten eine Torarolle aus der alten Heimat mit und gründeten bald nach ihrer Ankunft die erste jüdische Gemeinde in Cleveland. So überliefert es die Chronik der Jewish Community Federation in Cleveland. Unslebener Juden wanderten aber auch in größere Städte in der weiteren Umgebung ab, wie etwa Nürnberg, Fürth, Erlangen oder Frankfurt. An der Wende zum 20. Jahrhundert bestand die jüdische Gemeinde in Unsleben noch aus etwa 140 Personen, die überweigend als Händler oder Handwerker, aber auch als Fabrikanten ihren Beitrag zum kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung ihres Heimatortes leisteten. Juden waren selbstverständlich Mitglieder im Turnverein und förderten ihn, 1929 wurden mit Theo Mittel und Sally Krämer auch zwei Juden in den elfköpfigen Gemeinderat gewählt, allerdings gab es auch schon nationalsozialistische Agitatoren am Ort, die den jüdischen Geschäftsleuten Umsatzeinbußen zufügten. Beim Novemberpogrom verwüsteten ortsbekannte Randalierer die Inneneinrichtung der Synagoge. Allerdings hatten die Gemeindeglieder die meisten Ritualgegenstände aus Furcht vor Ausschreitungen bereits in private Verstecke gebracht, sodass in der Hauptsache die Ritualien der Bastheimer Synagoge betroffen waren, die im Sommer 1938 nach Unsleben gebracht wurden, nachdem die dortige Synagoge bei einem Pogrom während der Sudetenkrise geschändet worden war. Aber christliche Nachbarn wie der Bauer Valentin Balling versuchten, die Unslebener Synagoge zu schützen. So rettete Balling eine Torarolle vor dem Mob. Die Mehrheit der jüdischen Unslebener konnten in den Jahren 1937 bis 1939 emigrieren, vor allem in die USA und nach Kuba. Dabei gelang es Mitgliedern der Familien Liebenthal, Mittel und Naumann, mindestens sechs Torarollen und zwei Rollen des Estherbuches, das beim Purimfest gelesen wird, aus Unsleben in die USA zu retten. Im „Elmhurst Jewish Center“ sind zwei Torarollen noch heute im Gebrauch. Diese jüdische Gemeinde im New Yorker Stadtteil Queens geht auf eine Gründung von Unslebener Emigranten in den frühen 1940er Jahren zurück. Die knapp 20 jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die in Unsleben geblieben waren, wurden im Jahr 1942 mit zwei Deportationen in das Transitghetto Izbica bei Lublin bzw. ins KZ Theresienstadt verschleppt. Heute leben keine Juden mehr in Unsleben, aber vier gebürtige Unslebener und ihre Familien, insgesamt 41 Personen folgten der Einladung aus Unsleben, der Heimat ihrer Vorfahren. Ihre eigene Heimat in New York nennen einige von ihnen sogar Unsleben-West.

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