Würzburg

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Am 23. Oktober 2006 konnte die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken ihr neues Gemeinde- und Begegnungszentrum Shalom Europa in der Valentin-Becker-Straße eröffnen. Der lichte Bau und beherbergt rund um einen Innenhof Gemeinderäume für Veranstaltungen und Verwaltung und eröffnet den Zugang zur Synagoge. Auch ein Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken ist dort untergebracht. Dr. Josef Schuster, der Vorsitzende der Kultusgemeinde, beschrieb im Jahr 2006 die Eröffnung von Shalom Europa als Beginn einer neuen Epoche. Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hatten hier wie an vielen anderen Orten die kleine Gemeinde so vergrößert, dass ein Neubau nötig wurde. Aber der Neubau bezieht sich bewusst auf die Jahrhunderte lange Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Würzburg: Seinen Zuschnitt orientierte sich auch an den ältesten Zeugen der uralten jüdischen Gemeinde: Es sind dies mehr als 1.500 Grabsteine und Fragmente von ihnen, der älteste datierbare Stein stammt aus dem Jahr 1129, der jüngste aus dem Jahr 1346. Erst im Jahr 1987 wurden sie aufgefunden, als das Gebäude der „Landelektra“ abgerissen wurde, das im Stadtteil Pleich nach 1945 in den Ruinen der Klosterkirche des 1803 säkularisierten Dominikanerinnenklosters entstanden war.

Das Depot, in dem die Grabsteine aufbewahrt und erforscht werden, bilden sozusagen die Basis unter dem Innenhof, um den sich die übrigen Teile von Shalom Europa gruppieren. Einige der Grabsteine sind im Jüdischen Museum ausgestellt und repräsentieren dort nicht nur das kulturelle Gedächtnis der jüdischen Gemeinde.

Mit den 1.500 „Judensteinen aus der Pleich“ ist dieser Fund nicht nur die umfangreichste Hinterlassenschaft einer mittelalterlichen jüdischen Gemeinde. Die Untersuchung der Grabsteine hat vielmehr gezeigt, dass Würzburg ein europäisches Zentrum der jüdischen Gelehrsamkeit, des Studiums und der Diskussion der religiösen Quellen („Talmud Tora“) gewesen ist. Ebenso zeugen die Grabsteine von den Ämtern, Berufen und der sozialen Stellung der Verstorbenen, sie geben Einblick in die Organisationsstruktur der jüdischen Gemeinde: So lassen sich alle Ämter und Positionen, die für eine Selbstverwaltung nötig waren, bis zum Ende des 13. Jahrhunderts nachweisen. Im Jahr 1298 brach aber das Rintfleisch-Pogrom über die jüdische Gemeinschaft Würzburgs herein, bei dem über 800 Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden, wie die Einträge in das Memorbuch zeigen. Allein die Menge der Opfer zeigt schon die Bedeutung der jüdischen Gemeinde Würzburgs, die damit eine der größten im Deutschen Reich war. Aus der Zahl der Grundstücke, die um 1250 in jüdischem Besitz waren, ergibt sich zudem, dass die Gemeinde sehr wohlhabend war. Die Gemeindeleitung organisierte ein zwölfköpfiges Gremium, an dessen Spitze ein „Judenbischof“, also ein Vorsteher, stand.

Nach der Vertreibung und Ermordung beim Rintfleischpogrom duften sich zwar ab 1310 wieder Juden in Würzburg ansiedeln, allerdings wurde diese zweite mittelalterliche Gemeinde nie wieder so groß und bedeutend wie ihre Vorgängerin. Nach einer wechselvollen Geschichte zwischen engen Beziehungen, Verfolgungen und zeitweiligen Vertreibungen wurden die Juden im Jahr 1575 endgültig aus dem Gebiet der Stadt und dem Hochstift Würzburg vertrieben. In kleinen reichsitterlichen Enklaven, zum Teil in der Nähe Würzburgs durften sie sich niederlassen und begründeten die Epoche der Landjuden. Eine dauerhafte Ansiedlung von Juden in der Stadt Würzburg war erst am Beginn des 19. Jahrhunderts wieder möglich, als Würzburg bayerisch wurde. Kurz darauf wurde auch das Oberrabbinat aus dem benachbarten Heidingsfeld, wo in der im 17. und 18. Jahrhundert eine bedeutende jüdische Gemeinde entstanden war, nach Würzburg verlegt. Mit dieser Epoche verbindet sich die zweite Blütezeit jüdischer Gelehrsamkeit in Würzburg. Der „Würzburger Rav“ Seligmann Bär Bamberger (1807–1878), der bis heute vor allem unter Jüdinnen und Juden weltweiten Ruhm genießt, begründete eine aufgeschlossene, weltoffene und zugleich traditionsverbundene Orthodoxie. Mithilfe der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt schuf er eine Ausbildungsstätte für jüdische Lehrer, wie sie staatliche Seminarschulen nicht bieten konnten. Die dort ausgebildeten Lehrer trugen die besondere Richtung des „Würzburger Rav“ an ihre Wirkungsorte weiter. Auch die heutige Gemeinde, die nach der Schoah wieder entstanden ist, sieht sich dem Erbe Seligmann Bär Bambergers verpflichtet. Im Gemeindezentrum Shalom Europa orientiert sie sich an seiner besonderen „Würzburger Orthodoxie“ und versucht sie, den jüdischen und nichtjüdischen Gästen zu vermitteln. Zurzeit hat sie wieder 1.100 Mitglieder, die aus Würzburg und ganz Unterfranken stammen.

www.shalomeuropa.de

<< zurück